Renaissancekleider

Einführung in die Thematik 

Neu in der Renaissancemode war das Streben nach Harmonie. Spiegelparallele Formen und Muster, einfach und symmetrisch prägten anfangs die Mode. Bereits zu Beginn des 16. Jh. bildeten sich in der Damenmode große Unterschiede zwischen Italien auf der einen Seite und Deutschland und England auf der anderen Seite heraus. In Italien wurden die weiblichen Formen betont, das Dekolleté rutschte bereits am Beginn des 16. Jh. tiefer und gab den Blick auf die Chemise frei. Diese wurde deshalb reich bestickt oder mit Perlen besetzt. die Brüste wurden nach oben geschnürt. Bilder von Lucrezia Borgia und Isabelle d´Este sind hier schöne Beispiele. Diese Mode war jedoch weder in Deutschland noch in England zu dieser Zeit zu finden. Bis in die 1530er Jahre hing man hier noch dem Schönheitsideal der Gotik an: schmale Schultern und flache Brüste. Ein schönes Beispiel hierfür ist dieses Portrait von Jane Seymour.

 

Viele Schnittmusterverlage bieten, um diese Form zu erreichen, Schnürbrüste an. Wir verwenden diese übrigens auch. Sie sind allerdings für diese Zeit nicht belegt. Es ist eher wahrscheinlich, dass man den Oberkörper mit gestärkten Leinenbinden wickelte.  

 

Rockunterbauten (in England Farthingale, Italien Verdugada genannt) waren in Deutschland nicht üblich. Die Weite der Röcke wurde durch die Menge an Stoff und evtl. durch den sogenannten Weiberspeck (eine ausgepolsterte Stoffrolle, die unterhalb der Hüfte um den Körper gebunden wurde) erreicht. 

 

Die Bedeutung, die der Kleidung beigemessen wurde, belegt zum Beispiel eine Abrechnung des Schneiders der Eleonore von Toledo. Dieser bezog das gleiche Gehalt wie der Hofmaler - damals eine angesehene Stellung. Kleidung sollte sowohl den Wohlstand als auch die Zugehörigkeit symbolisieren. So ist ein Schriftwechsel zwischen Isabelle d´Este und Lucrezia Borgia belegt, in dem die beiden Damen sich im Vorfeld einer Festlichkeit bezüglich ihrer Garderobe abstimmten. Man wollte mit gemeinsamen Merkmalen die Verbundenheit der beiden Höfe demonstrieren.

 

In der Damenmode wurden kostbare Stoffe verwendet, aber auch wertvolle Stickereien. Wie bei unserem Tudorkleid zu sehen, waren die Unterärmel abnehmbar. Der Grund dafür war, dass diese durch die Stickereien so außerordentlich wertvoll waren, dass sie in der Schatzkammer aufbewahrt und nur zu den jeweiligen Anlässen herausgeholt und angenestelt wurden. Allerdings wird auch in der Damenmode vermutet, dass es einige der Bilder, die auf Gemälden zu sehen sind, in der Realität gar nicht gegeben hat. Wer sich Cranachbilder aufmerksam anschaut, wird sich sicher schon (wie wir) gefragt haben, wie das eine oder andere technisch umzusetzen ist. Die Wahrheit ist jedoch, dass es eben oft nach dem Ideal und nicht nach dem Leben gemalt wurde. Besonders extrem ist das oft auf Bilder von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Silouette, die einige der Damen hier zeigen, ist für eine gesunde Frau eher nicht erstrebenswert und auch wenig glaubhaft.  



Unsere Kleider 

Im Folgenden finden Sie eine kleine Sammlung an kurzen Zusammenfassungen zu unseren Erfahrungen beim Nähen verschiedener Renaissance-Kleider.  Diese wurden teilweise vor einigen Jahren angefertigt und entsprechen nicht immer unserem heutigen Wissenstand.  

 

Tudorkleid

Ein großes Projekt 2011 war die Umarbeitung eines historisierendes Kleides aus rotem Samt und goldener Dupionseide in ein möglichst historisch korrektes Tudorkleid. Das genaue Vorgehen dabei haben wir dokumentiert. Ein Reinschauen lohnt sich, denn wir beschreiben dabei einerseits das Arbeiten mit Simplicity 2589, andererseits gibt es eine Anleitung, wie sie ganz ohne Kaufschnittmuster eine Chemise, einen Umhang und passenden Kopfschmuck herstellen können. Als separates PDF finden Sie außerdem eine Anleitung zur Herstellung einer Gürtelkette und zusätzlich die Stickmuster des alten Kleides als Vorlage. 

historisierendes Ausgangskleid
historisierendes Ausgangskleid

fertiges Tudorkleid
fertiges Tudorkleid

 

Renaissance-Kleid für Kinder

Im Oktober 2011 entstand ein Renaissance-Kleid für unsere Enkelin/Nichte. Dieses wurde dann beim Reformationsfest getragen. Die folgende Anleitung enthält ein komplettes Schnittmuster, da dieses vollständig von uns selbst entworfen wurde.

 

Kinder-Renaissancekleid

 

Cranach-Kleid aus dunkelgrünem Samt

Material:

- Baumwollsamt (4 m bei 1,40m Breite): Rock, Jackenteil

- Bourette-Seide (4 m bei 90cm Breite): Unterkleid

- goldener Brokatstoff (2 m): „Garden“ auf dem Rock, Fütterung des Kragens

- goldene Dupionseide (1 m): Brustband

- Vlieseline (dünne für die Ärmel, steife für das Miederteil)

 

grünes Cranach-Kleid mit Stehkragen
Grünes Cranachkleid mit Stehkragen

 

Hierbei handelt es sich um das aktuellste Cranach-Kleid. Es wurde im Juni 2011 fertig. Dafür haben wir ein spezielles Cranach-Kleid-Schnittmuster im Internet bei Nehelenia Patterns bestellt. Die Anleitung dazu ist auf Englisch, weshalb wir vor dem Nähen noch Einiges an Übersetzungsarbeit hatten. Uns ist aufgefallen, dass der Schnitt recht einfach ist, was uns bei der Jacke einige Probleme bescherte. Wer verschiedene Kleidergrößen hat, sollte sich auf einige Anpassungsarbeiten gefasst machen (zum Beispiel Abnäher).

 

Mieder grünes Cranach-Kleid
Mieder gründes Cranachkleid

 

Zu diesem Kleid gibt es einen ausführlichen Erfahrungsbericht, der anfangs als eigene Seite auf unserer Website unter der Kategorie "aktuelles Projekt" zu finden war. Da wir aber natürlich immer neue Projekte haben, haben wir die Seite in ein PDF übertragen. Sie können zu diesem Kleid drei PDFs herunterladen:

 

Sie finden die ausführliche Beschreibung der Herstellung des Kleides hier.
In diesem PDF befinden sich die verwendeten Stickmuster als Vorlage in Originalgröße.
Dies ist eine gesonderte Anleitung zur Herstellung Cranach-typischer geschlitzter Ärmel.

 

Anleitungen zur Herstellung eines passenden Halsreifes, einer Tasche und eines Barettes können Sie in der Rubrik Accessoires herunterladen.

 

Cranach-Kleid aus dunkelrotem Samt

Material:

- roter Baumwollsamt (3,5m bei ca. 1,40m Breite)

- goldener Brokat oder im Ausweich auch Damast aus der Gardinenabteilung (2m bei ca. 1,40m Breite)

- Futterstoff (3m bei ca. 1,40m Breite)

- Reißverschluss (60cm)

- 8m Goldband (es geht auch Kordel)

- Perlen und Stickgarn nach Bedarf und Geschmack

 

rotes Cranach-Kleid
Rotes Cranachkleid

 

Dieses Kleid wurde nach dem Burda-Schnittmuster Nr. 2447 gearbeitet. Da es sich dabei um ein Barockschnittmuster handelt (wir hatten zu dieser Zeit noch kein Cranach-Schnittmuster gefunden), waren verschiedene Anpassungen notwendig.

 

Hier können Sie die für das rote Cranach-Kleid verwendeten Stickvorlagen herunterladen.

 

Das Miederteil ist so übernommen worden, wie im Schnittmuster angegeben. Dabei wurden die beiden vorderen Seitenteile vorher bestickt. Das vordere Mittelteil wurde zuerst ganz aus dem Brokatstoff ausgeschnitten und dann der obere Teil aus Samt nochmal separat aufgesetzt. Auf den Samtteil wurden vorher die gekreuzten Goldbänder aufgenäht und in deren Mitte Wachsperlen gesetzt. Wir haben das Oberteil ein wenig länger zugeschnitten als angegeben, weil der Rock sonst sehr hoch sitzt, was  sich ungünstig auf die Figur auswirkt. Am besten geben Sie erstmal  5-6 cm zu und probieren es selbst aus.

 

Mieder des roten Cranach-Kleides

 

Die Ärmel sind als weite lange Puffärmel aus Brokat zugeschnitten, dann wurden die Samtstreifen aufgesetzt. Die Samtstreifen bitte unbedingt direkt am Arm anpassen, damit der Ärmel nicht zu locker sitzt! Unten wurden dann noch die für die deutsche Renaissance typischen Abschlüsse gesetzt.


Ärmel des roten Cranach-Kleides

 

Der Rock wurde so zugeschnitten, wie im Muster angegeben und nach dem Nähen die Brokatstreifen aufgenäht. Oberteil und Rock sind komplett unterfüttert, um ein Fusseln des Samtes zu verhindern.

 

Cranach-Kleid aus dunkelblauem Samt mit sichtbarem Seidenunterrock 

Material:

- dunkelblauer Baumwollsamt (3,5m bei ca. 1,40m Breite)

- cyanblaue Dupionseide (2m bei ca. 1,40m Breite)

- goldene Dupionseide (50cm bei ca. 1,40m Breite)

- Seidenbrokat (1,30 m bei ca. 90cm Breite) z.B. von DaWanda.de – Verkäufer "hibou"

- ca. 7m Goldband

- etwa 2500 Quetschperlen

- etwa 500 Wachsperlen

- 22 Aufnähkristalle in Blau von Gütermann oder einzelne Steine und Aufnähkessel

- Stickgarn

- Reißverschluss (60cm)

 

Cranach-Kleid mit sichtbarem Unterrock aus Seide
Cranachkleid mit sichtbarem Unterrock

 

Hier können Sie die Stickvorlagen herunterladen, die wir für das blaue Cranach-Kleid entworfen und verwendet haben.

 

Auch dieses Kleid wurde nach dem Burda-Schnittmuster Nr.2447 gearbeitet. Hier wurden allerdings sowohl die vorderen Seitenteile als auch die darüber liegenden Passenteile bestickt. Das Vorderteil ist aus goldener Seide zugeschnitten. Dann wurde der Samtteil aufgesetzt und die schwarzen Bänder der unteren Hälfte aufgenäht (wir fanden erst später heraus, dass es sich um eine Schnürung statt Zierbänder handelt). Erst danach wurden die bestickten Seitenteile angefügt.  Auch hier empfiehlt es sich, das Oberteil um einige Zentimeter zu verlängern, um einen besseren Sitz zu erreichen.

Das Samtoberteil ist wieder mit gekreuzten Goldbändern benäht. Die Blumen in den Zwischenräumen bestehen aus Aufnähkristallen, die von 1,5mm Wachsperlen kultur umgeben sind. Um die Blumen plastischer wirken zu lassen, wurden vor dem Aufnähen, Ringe aus Ophirgoldgarn aufgestickt.

 

Mieder blaues Cranach-Kleid

 

Die Ärmel wurden enganliegend aus Samt zugeschnitten. Anschließend haben wir in Ellbogenhöhe den Stoff aufgeschnitten (an der Innennaht ca. 3cm stehen lassen!), dann die Nähte versäubert und einen ca. 30cm breiten Streifen aus blauer Dupionseide eingesetzt. Anschließen wurden auf die Ärmel Ringe aus Quetschperlen aufgenäht. Dann werden die renaissancetypischen Abschlüsse angesetzt.

 

Ärmel und Mieder blaues Cranach-Kleid
Ärmel und Mieder des blauen Cranach-Kleides

 

Der Rock wird einmal aus blauer Dupionseide und dann nochmals aus blauem Samt zugeschnitten und genäht. Wenn er am Oberteil angenäht ist, ziehen Sie das Kleid über eine Schneiderpuppe und schneiden Sie den vorderen Ausschnitt des Überrocks freihändig aus. Ist keine Puppe vorhanden , sollte dieser Arbeitsschritt zu zweit ausgeführt werden, weil man den Ausschnitt nur dann optisch gut zuschneiden kann, wenn das Kleid so hängt wie später im Original. Nach der Versäuberung der Nähte werden nun die Brokatstreifen aufgenäht.

 

Grünes Samtkleid (historisierend)

Material:

- grüner Baumwollsamt (3,5m bei ca. 1,40m Breite)

- hellgrüne Dupionseide (3m bei ca. 1,40m Breite)

- Futterstoff (2,5m bei ca. 1,40m Breite)

- Reißverschluss (60cm)

- Stickgarn und Perlen nach Bedarf und Geschmack

 

französisches Renaissance-Kleid (grün)

 

Die verwendeten Stickmuster können Sie hier herunterladen.

 

Auch dieses Kleid wurde nach dem Avantgarde-Schnittmuster Nr. 22177 genäht. Hier wurde ebenfalls der Ausschnitt gerade geschnitten.  Nachträglich wurde dann der Streifen aus Baumwollsamt aufgesetzt und in die Seitenteile mit eingefasst. Für die Stickerei auf dem vorderen Miederteil haben wir Wachsperlen 3mm verwendet. Zuschnitt und Füttern des Kleides sind analog dem rot-goldenen Samtkleid.

 

Miederteil grünes Renaissance-Kleid

 

Die Ärmel wurden als weite Puffärmel aus Dupionseide zugeschnitten, das Schnittmuster aber verlängert. Dann wurden nachträglich die Samtstreifen aufgesetzt. Diese sollten aufgesetzt werden, bevor die Ärmel zusammengenäht werden, so kann der Samt mit eingefasst werden. Nach Belieben können die Streifen vorher noch bestickt werden. An den Schultern wurden Passen angenäht, die beim Annähen der Ärmel mit eingefasst wurden.

Anders als beim roten Kleid wurde der Überrock hier direkt an der Mitte begonnen, diese Technik hat sich in der Praxis als die Bessere herausgestellt, da der Rock so bei Wind nicht so leicht aufgeweht wird.